Eisiges Lauferlebnis am sibirischen Baikalsee_03.2009

Marathonbericht von Christoph Draudt, 43 Jahre.

42 Kilometer durch Eis und Schnee bei Minus 15 Grad? Als ich vor drei Jahren das erste Mal von einem Marathon auf dem Baikalsee höre, bin ich sofort fasziniert. Einige Läufe in den Alpen haben in letzten Jahren meine Leidenschaft für reizvolle Naturlandschaften geweckt. Schnell wird mir klar: Ich will nach Sibirien.

Auf der Schiene durch Russland
Bei der Anreise möchte ich Land und Leuten kennenlernen. Ich buche eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn ab Moskau. Am 1. März 2010 geht es los. Das Ziel unserer vierköpfigen Reisegruppe ist das nahe der Westküste des Baikalsees gelegene Irkutsk. Uns erwarten 5.200 Kilometer quer durch Russland in drei Tagen. Im Zug landen wir in einem offenen Großraumwagen der 3. Klasse, zusammen mit 52 Russen und Mongolen unterschiedlichen Alters. Es geht zu wie in einem Wohnzimmer: Man macht es sich mit Badeschlappen und Jogginganzug gemütlich, wir werden zum Bier eingeladen und lauschen russischer Gitarrenmusik. Unsere Mitreisenden interessieren sich für den Grund unserer Reise und die Reaktionen reichen von Kopfschütteln bis hin zu Bewunderung.

Willkommen am „heiligen See“
Am Morgen des 5. März, zwei Tage vor dem Lauf, erreichen wir bei Minus 26 Grad Celsius die Stadt Irkutsk. Nach dem Transfer in die kleine Ortschaft Listvyanka sehen wir zum ersten Mal den riesigen See. Er wirkt majestätisch und erhaben.
Im östlichen Sibirien gelegen, ist der Baikalsee mit mehr als 25 Millionen Jahren der älteste und mit 1.637 Metern auch der tiefste See der Erde. Seine Wassermenge macht ein Fünftel der Süßwasserreserven der Erde aus. Im Süden ist der See, den die Einheimischen auch den „heiligen See“ nennen, nur rund 40 Kilometer breit und von Februar bis April von einer fast eineinhalb Meter dicken Eisschicht bedeckt – Schauplatz des einzigartigen Baikal-Marathons, der erstmals im Jahr 2005 veranstaltet wurde.

Kilometerjagd auf dickem Eis
Am 7. März ist es soweit: Um 10 Uhr treffen sich 50 Teilnehmer aus sieben Nationen, davon 20 Halbmarathon-Läufer. Die Sonne scheint und begrüßt uns auf dem See. Die roten Markierungsfähnchen im Eis flattern im Gegenwind. Ich verbiete mir, über die gefühlte Temperatur nachzudenken. Ein Schluck Wodka tut bei Minus 14 Grad Celsius gut. Ein paar Spritzer auf das Eis sollen Glück bringen und die Götter gnädig stimmen.
Alexej, der russische Gesamtverantwortliche, zählt in Englisch von drei auf null: „Start!“ Die schnelleren Läufer setzen sich an die Spitze, alle anderen reihen sich in ihre Spur ein. Der Untergrund ist mit 25 Zentimetern Schnee sehr rutschig, da helfen auch die Spikes in meinen Laufschuhen nicht. Nach zehn Kilometern wird der Untergrund fester, die Schneedecke dünner. Eine Stunde und 24 Minuten sind bereits vergangen.

Mit dem Zwiebelprinzip geschützt
Durch den kräftigen Wind verliere ich ungemerkt meine Laufkappe, die ich über der Gore-Sturmhaube getragen hatte. Meine Hände in den Gore-Handschuhen habe ich zu Fäusten geschlossen – das ist wärmer. Meine Laufbekleidung ist optimal: Dünne Zwiebelschichten mit Windstopper-Membran schützen gegen die Kälte. Eine lange Unterhose mit Membran von Craft und eine Laufhose von Odlo mit Verstärkung an den Knien schützen die Beine vor der eisigen Kälte. Oben trage ich drei lange Schichten: Ein eng anliegendes Unterhemd von Falke, dann Laufpulli und Laufjacke von Gore. Bei der Auswahl haben mir die Unterstützung und Beratung des engelhorn sports-Teams sehr geholfen.

Endspurt auf dünnem Eis
Das Eis gibt Geräusche von sich: Mal ein tieferes Grollen, als ob zwei Balken zusammenstoßen, mal ein Krachen aus den oberen Schichten. Oft zeigt sich das Eis mit wunderschönen, stern- oder kreuzförmigen Mustern. Alle acht Kilometer gibt es an Verpflegungsstationen Wasser oder warmen Tee, Trockenobst, Gebäck, Nüsse und gute russische Schokolade. Zuschauer gibt es leider überhaupt keine. Die Halbmarathon-Distanz erreiche ich zufrieden nach zwei Stunden 35 Minuten. Am Ende komme ich mit fünf Stunden und 15 Minuten als zweitbester Deutscher im Ziel an. Ich habe das Gefühl, mit der Luft, dem Eis und dem ganzen See eins zu sein. Jetzt heißt es erst mal wieder einen Wodka auf die Götter zu trinken. Nastrovje!

Weitere Informationen zum Baikal-Marathon unter: www.baikal-marathon.de