19.04.2006 | Die Rheinpfalz

WM-Traum nach dem Trauma

Boxen: "Gnadenloser" Wladimir Klitschko vor dem Kampf in Mannheim

Heidelberg. Die wie üblich für die Kameras gestellte Szene, in der sich beide Boxer starr und mit bösem Blick gegenseitig in die Augen sehen, täuschte: Auch gestern, beim zweiten direkten Aufeinandertreffen im Vorfeld des WM-Schwergewichtskampfes (IBF / IBO) am kommenden Samstag in der Mannheimer SAP-Arena, begegneten sich Wladimir Klitschko und Chris Byrd ohne (sowieso gespielten) Hass.

"Ich respektiere meinen Gegner", versicherte Herausforderer Klitschko und versuchte dann, der Pressekonferenz im lauschigen Hogel Europäischer Hof in Heidelberg doch nocht etwas branchenübliche Schärfe zu geben: "Aber am Samstagabend wird es keine Gnade geben."
Das war's dann auch schon an verbalem Schlagabtausch. Kein Wunder: Titelverteidiger Chris Byrd tut im "Feindesland" alles für sein Image. Und das ist nicht das eines brutalen und martialischen Draufgängers, sondern des lockeren Vogels mit Rastalocken. "Viele Leute denken ich sei verrückt, hier in Deutschland gegen ihn zu kämpfen. Aber ich mache mir da keine Sorgen", sagt der Mann aus Las Vegas und grinst. Nicht angeberisch, sondern einfach sympathisch. Als sein Vater und Trainer Joe Byrd die Presseschar auffordert, seinem Sohn mal tief in die Augen zu schauen, ("Da sieht man, in welcher Form ein Boxer ist"), reißt der Filius brav die Augen auf - und lacht wieder, dass die weißen Zähne blitzen. Sein Gegner wirkte gestern schon nüchterner, ja stoisch. Der Kampf steht unter dem Motto "Alles oder nichts". Für Klitschkos Karriere könnte es auch lauten: Ruhm oder Rente. "Es geht um alles", sagt der 30-Jährige, "über nichts denkt man nicht nach." Fakt ist: der jüngere der beiden Klitschko-Brüder hat sich nach seinem Trauma des verlorenen WM-Kampfes gegen Corrie Sanders 2003 und nach der Niederlage 2004 gegen Lamon Brewster weider aufgerappelt. "Wladimir ist zurück an die Spitze geklettert", beton Coach Emanuel Steward. Und Klitschko findet sogar: "Niederlagen haben mich erst zu einem kompletten Mann gemacht. Am Anfang der Karriere gab es die nicht, es ging immer nur bergauf. Aber ich musste auch die andere Seite des Lebens sehen." Die sah er nach den Pleiten gegen Sanders und Brewster. Klitschko weiß: "In diesem Sport ist es wichtig, anerkannt zu werden. Anerkannt wird nur der Weltmeister."
Weltmeister aber ist Chris Byrd (35). "Am Anfang seiner Karriere habe ich ihn wegen seiner Größe gar nicht so ernst genommen, aber seine Konstanz beeindruckt mich", bekannte Emanuel Steward gestern. Im Trainingscamp scharte der Byrd-Clan lauter Klitschko-artige Hünen als Sparringspartner um den 1,88-Meter-Mann. Vater Joe wähnte sich schon im falschen Film:"Ich dachte, einen Moment, das ist ein Trainingscamp für Basketballer!"
Chris Byrd freilich ist es gewöhnt zu gewinnen - vor allem gegen Größere. "Ich bin sogar richtig süchtig nach ihnen geworden", verrät er und lacht sofort wieder. Kitschko verzieht keine Miene. Dass sein Gegner als ausgesprochen konditionsstark gilt, lässt ihne kalt, macht ihm keinen Druck, den Kampf vor der zwölften Runde zu entscheiden. "Natürlich ist Kondition wichtig. Aber wer weiß, wie viele Runden es gibt. Das entscheide ich im Kampf - und ganz spontan", sagte Klitschko gestern der Rheinpfalz. Eine lange Nacht wird es so oder so: Das WM-Duell beginnt am Samstag nach acht Vorkämpfen in der längst ausverkauften SAP-Arena gegen 23 Uhr (live ab 22:40 Uhr in der ARD)

Live Training
Heute steigt ab 14 Uhr das letzte öffentliche Training der beiden Kontrahenden Byrd und Klitschko vor dem Kampf am Samstagabend. Schauplatz ist engelhorn sports in der Mannheimer Innenstadt. Bei schönem Wetter steht der Boxring auf den Kapuzinerplanken, ansonsten im Erdgeschoss des Sporthauses. Bereits ab 13 Uhr gibt Box-Weltmeisterin Silke Weickenmeier aus Speyer Einblick in ihren Sport. Der Eintritt ist frei.

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