09.06.2007 | Mannheimer Morgen

Die Krise kommt mit dem 26. Zug

SCHACH: Mehrfacher Weltmeister Anatoli Karpow spielt simultan im Modehaus Engelhorn
Von unserem Redaktionsmitglied Jan Cerny
An Anatoli Karpow führt kein Weg vorbei: Neben zahlreichen Partien anderer Schachkoryphäen studiert ein ambitionierter Vereinsspieler auch die des mehrfachen Weltmeisters und träumt davon, die Figuren so aufs Brett zu setzen, wie der Champion. Kein anderer Weltmeister hat so viele bedeutende Turniere gewonnen, wie er. Wie sieht so ein Mann aus der Nähe aus? Ja, und dann steht er auf der anderen Seite des Brettes, reicht dem Gegner seine Hand, lächelt aufmunternd und greift nach dem Königsbauer, um ihn zwei Felder vorzuschieben. Der Zug signalisiert bedingungslosen Kampf.
Zusammen mit der Hockenheimer Schachakademie organisierte das Modehaus Engelhorn den Besuch der Schachlegende in Mannheim. Das Bekleidungshaus rüstet die Jugend-Mannschaft für die Schacholympiade 2008 in Leipzig aus und sponsort so die Akademie, die sich binnen zwei Jahren zu einer bedeutenden Institution in der Bundesrepublik entwickelt hat. Hier wird die Jugend trainiert, derzeit läuft unter ihrer Ägide die Senioren-Europameisterschaft in Hockenheim. Noch bis Sonntag misst Europas Altherrenelite ihre Kräfte an den Brettern.
Der im Mai 56 Jahre alt gewordene Karpow muss sich noch vier Jahre gedulden, wenn er teilnehmen will. Jetzt aber gilt es, sich gleichzeitig gegen 20 Spieler aus Mannheim und der Region zu behaupten. Simultanspiel nennt man die beliebte Veranstaltung, die einzige Möglichkeit für einen durchschnittlichen Spieler, gegen einen Großmeister anzutreten. Das Ereignis zieht zahlreiche Zuschauer an, in mehreren Reihen stehen sie hinter den ausgewählten Schachjüngern, kommentieren ihre Züge und zeigen Verständnis für die Verluste. An zwei Monitoren, die mit den Brettern verbunden sind, können sie ausgewählte Partien mitverfolgen.
Was spielt man gegen einen Weltmeister? Wenn er Kampf andeutet, dann eben Kampf. Ein Verlust ist ja schließlich keine Schande. Also die so genannte Französische Verteidigung. Tatsächlich gelingt es bereits nach wenigen Zügen, eine passable Stellung in der Brettmitte aufzubauen, fast sieht es so aus, als würde Karpow die Notbremse ziehen. Bei seinem Lauf von einem Brett zum anderen bleibt er bei uns einige Sekunden stehen und überlegt. Immerhin schon ein kleiner Erfolg. Und während wir versuchen, die Stellung zu festigen, gruppiert er beinahe unauffällig seine Figuren um. Noch beim 25. Zug sieht die Situation auf dem Brett annehmbar aus.
Inzwischen sind die ersten Spieler fertig. Dadurch erhöht sich das Tempo, denn die Teilnehmer müssen sofort ihren Zug ausführen, wenn der Weltmeister ans Brett tritt. Und da passiert es: Ein kleiner Fehlgriff - nach wenigen Zügen steht man vor einem Trümmerhaufen. Der Traum von mindestens einem Remis ist dahin. Ein Händedruck zum Abschluss und wieder dieses aufmunternde Lächeln.
Nach drei Stunden und 20 Minuten lautet das Ergebnis für Karpow: 17 gewonnene Partien und dreimal remis. Ein Erfolg für Pierre Dübon, Annette Busch und Horst Zielenski. Ein schöner Trost: Jeder Spieler erhält den Band "Faszination Schach", in dem Karpow zusammen mit Dieter Auer und Rainer Grund kunstvolle Schachfiguren vorstellt, sowie einen Band, mit dem sich das Modenhaus Engelhorn präsentiert.
Zuletzt wird der sympathische und unprätentiöse Weltmeister umlagert, muss Autogramme geben, Fragen beantworten. Dabei erzählt er auch von seinem ersten Besuch vor genau 30 Jahren in Mannheim.

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