05.02.2011 | Mannheimer Morgen

Eingepackt wie die Eskimos

Das kanadische Familienunternehmen Canada Goose erhebt den bislang unbestrittenen Anspruch, die wärmste Jacke der Welt herzustellen.

Die wärmste Jacke der Welt kostet 1250 Euro. In der Expeditionsjacke namens Snow Mantra könne ein Erwachsener bei 80 Grad minus still stehen und werde immer noch genügend warm gehalten, so der Hersteller. Wenn man versucht, Dani Reiss, dem jungen Eigentümer und Vorstandschef von Canada Goose, das Geheimnis hinter diesem Phänomen zu entlocken, fängt er an, von Daunen zu erzählen. Er äußert dann Sätze wie: „Daunen werden oft ganz falsch verstanden.“ Die Leute glaubten, so erklärt der 37-jährige Kanadier, dass Gänsedaunen in jedem Fall besser als die von Enten seien. Aber das sei nicht immer der Fall. Auf die richtige Mischung komme es an. „Das Daunenbüschel muss groß sein und viel Luft einschließen“, sagt Reiss, der vor neun Jahren im Alter von 28 die Leitung der väterlichen Firma übernahm, obwohl er ursprünglich Schriftsteller werden wollte. Die arktischen Parkas von Canada Goose werden nicht nur von Eskimos, Aufsehern in Naturparks, Wissenschaftlern im Eis, Polizeibeamten, Mitgliedern von Polarexpeditionen oder Arbeitern auf Erdöl-Bohrinseln gekauft. Eingefleischte Fans, die etwas Authentisches tragen wollen, gibt es auch in Deutschland. Sie können Canada Goose-Jacken etwa bei Engelhorn in Mannheim oder Ludwig Beck in München kaufen.

„Wir sind die teuersten“
Canada Goose stellt die Jacken ausschließlich in Kanada her, und das schon seit der Firmengründung im Jahr 1957, als die Marke noch Metro Sportswear hieß. So viel Heimattreue schlägt sich im Preis nieder. „Im Outdoor-Sektor sind wir bei weitem die teuersten Produzenten“, sagt Reiss. Das schadet dem Image der Marke aber überhaupt nicht: „Die Kunden glauben, dass unsere Qualität die Auslage wert ist.“ In einem Industrieviertel der Großstadt Toronto wird die kältefeste Bekleidung in einfachen Fabrikräumen von Hand genäht. Manche Angestellte arbeiten schon seit 40 Jahren im Betrieb: Sie wurden noch von Danis Großvater eingestellt. Die hochwertigen Daunen bezieht die Firma von kanadischen Hutteriten-Bauern, die freiwillig ohne Strom und Autos leben, aber ihr Federvieh bis zum reifen Alter wachsen lassen und deshalb große Daunen liefern können. Das Geheimnis liegt in der Zusammensetzung: „Unsere Mischungen haben die richtige Struktur für die richtige Art von Material“, sagt Reiss. Die leichten Federn werden von speziellen Maschinen in die Hohlräume der Jacken geblasen. Früher wurden sie von Hand gefüllt, aber Großvater Sam Tick erfand in den 70er-Jahren eine Maschine für diesen Arbeitsprozess.

Danis Vater David Reiss, der Sam Ticks Tochter geheiratet hatte, erwartete von seinem Sohn nicht, dass er das Unternehmen in der dritten Generation weiterführt. Aber Dani Reiss wollte nach seinem Studium der Anglistik und Philosophie einige Monate im väterlichen Betrieb etwas Geld verdienen. Es wurde ein Jahr und dann noch eines. Dani blieb und expandierte die Firma, die heute ihre Produkte in 43 Ländern verkauft, bis nach Asien. In diesem Jahr wurde ein Europa-Büro in Stockholm eröffnet. „Europa wächst für uns gewaltig“, sagt Reiss, Vater eines zweijährigen Sohnes. 2011 rechnet er dort mit 25 bis 30 Prozent mehr Umsatz. „Der europäische Markt ist anders, weil Europäer Qualität besser verstehen.“ Prestigeobjekte in Skandinavien, wo die Jacken zu 70 Prozent von Frauen gekauft werden, ist Canada Goose bereits seit 14 Jahren tätig, in Deutschland seit 1998. Dort kaufen gleich viele Frauen wie Männer die Arktis-Bekleidung, sagt Reiss. Seine Firma exportiert 55 Prozent der Produktion, davon werden fast 40 Prozent in Europa abgesetzt, wo man die Jacken heute als Prestigeobjekt in Modehäusern wie Harrods in London und Colette in Paris findet. Der Rest geht in die USA oder Länder wie Japan, Kolumbien oder sogar Israel.

Die Kunden müssen rund 175 bis über 1.000 Euro pro Jacke ausgeben. Canada Goose wollte nie mit Massenware konkurrieren und deswegen Abstriche an der Qualität machen. „Wir mussten eine neue Preiskategorie für uns erfinden“, sagt Reiss. Trotzdem verkauft die Firma rund 250.000 Jacken pro Jahr, für die es eine lebenslange Garantie gibt. Von jedem Verkauf gehen 18 Euro an die Organisation Polar Bears International, die Eisbären schützt. Kojotenpelz für die Mütze Canada Goose wird auch von den Ureinwohnern Kanadas, den Inuit, geschätzt. Sie jagen Kojoten für den Pelz an den Anorakkapuzen. Kunstpelze sind in der Arktis nutzlos, da sie gefrieren. Die Firma Canada Goose weiß, was sie den Inuit verdankt. „Wir haben unsere Reputation im Norden Kanadas aufgebaut“, sagt Reiss. Deshalb überlässt er ihnen kostenlos Ausschuss von der Produktion in Toronto. Mit den Reißverschlüssen und Stoffresten, die sie aus Canada Goose-Zentren in der Arktis gratis beziehen können, fertigen die Inuit eigene Kleider an. Reiss sieht darin keine Konkurrenz, sondern einen Nutzen für beide Seiten. Canada Goose-Jacken werden heute nicht nur von Menschen getragen, die draußen arbeiten. „Kälte ist relativ“, sagt Reiss, „auch Städte können kalt sein.“

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