13.01.2012 | Mannheimer Morgen

Dem Geheimnis der Marken auf der Spur

Verein: Hobby-Numismatiker sammelt geprägte Wert- und Pfandmarken / Münzenfreunde laden zu Vorträgen ein

Vorurteile halten sich hartnäckig. Das weiß auch Manfred Steigner. Wenn der 56-Jährige von seinem Hobby, der Numismatik, erzählt, erntet er häufig verständnisloses Kopfschütteln. Das Sammeln von Münzen sei doch langweilig. Im Gegenteil, findet der Mannheimer Polizist mit dem schwarzen Schnurrbart. Ganze Abende könne er in seinem Arbeitszimmer mit seiner Sammlung verbringen. Biermarken, Wertmarken, Hundemarken, Kantinenmarken, Spielmarken – allein über 600 solcher geprägten Objekte aus Mannheim, runde und eckige, besitzt er. Was er jetzt bei einem Vortrag der Münzenfreunde Mannheim-Ludwigshafen zeigte, ist nur eine kleine Auswahl.

Das älteste münzähnliche Stück in Steigners Sammlung, ist eine über 2000 Jahre alte römische Bordell-Marke. Eine Frau und ein Mann vergnügen sich darauf in eindeutiger Pose. „Geprägte Mannheimer Bordell-Marken sind mir nicht bekannt“, erzählt Steigner, „aber in den 1960er Jahren hat die Stadt an einige ledige männliche Sozialhilfeempfänger Gutscheine für Besuche im Freudenhaus herausgegeben“ – allerdings aus Papier. „Als kleiner Junge habe ich mal eine Münze im Sand gefunden,“ erinnert sich der Sammler. Seit diesem Tag blieb er den Metallen treu. Als Schriftführer sitzt er im Vorstand der Münzenfreunde. Weit mehr als Geldmünzen faszinieren ihn geprägte Marken aus Mannheim, „weil jede eine eigene Geschichte erzählt und keine Massenware ist.“ Außerdem erfahre er so mehr über die Unternehmen. Auf der Suche nach Wertmarken läuft Steigner allerdings nicht mit dem Metalldetektor durch Wiesen und Wäldern. Seine „Ausgrabungsstätten“ heißen eBay, Flohmarkt und Münzbörse. In der
Regel kostet eine Marke dort weit unter 20 Euro, teure aber schon mal über 50 Euro. Das Auffinden der Stücke aus Messing, Zinn, Plastik, Kupfer oder Aluminium sei allerdings nicht das Schwierigste an der Numismatik, erläutert Steigner. Kniffliger sei es, den Marken ihre Geschichte und Herkunft zu entlocken. „Die wenigsten lassen sich genau datieren.“ Auch im Stadtarchiv habe er nur wenig Material gefunden. Stattdessen blättert er in Fachliteratur oder versucht sein Glück direkt bei den Unternehmen, die die Stücke in Auftrag gegeben haben. Eine Marke aus Weißmetall auf deren Vorderseite (Avers) ein Engel in eine Trompete bläst, führte Steigner bei seinen Recherchen einmal direkt zum Modehaus Engelhorn. "Ich gehe am liebsten persönlich hin, da erfährt man am meisten“, erklärt der Hobby-Numismatiker. Von Chef Richard Engelhorn erfuhr er, dass das Modehaus 1945 und im ersten Nachkriegsjahr eine Suppenküche für Bedürftige eingerichtet hatte. Die Marke diente vermutlich als Berechtigung zur Mahlzeit. Eine Biermarke der Freimaurerloge Carl zur Eintracht“ aus den 1920er Jahren, auf der ein Krug ohne Henkel abgebildet ist, führte Steigner ein anderes Mal zum Logenhaus in L 9. Der Meister vom Stuhl kannte die Marke zwar nicht, vermutete aber, dass die Abbildung mit einem logeninternen Ritual zu tun habe, zu dessen Anlass die Mitglieder aus Humpen ohne Henkel trinken.

Als Polizist gelingt es dem 56-Jährigen sogar manchmal, Hobby und Beruf zu vereinen: „Eine Zeit lang habe ich bei Ermittlungen unechte
Geldscheine zu Fälschungsreihen zugeordnet.“ Werden heute Münzen beschlagnahmt, wird er gerne um Rat gefragt. Zurzeit jagt der Beamte jedoch keine Fälscher, sondern Internetbetrüger. In der eigenen Familie teile nicht jeder seine Leidenschaft für Numismatik, erklärt der Vater zweier Kinder. „Aber mein Sohn beschäftigt sich viel mit der Geschichte der Stadt Mannheim. Und auch die Marken faszinieren ihn.“

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