09.02.2012 | TextilWirtschaft

Für Hauptschüler und Highpotentials

Durch den demografischen Wandel wird es für Unternehmen künftig noch schwieriger, gute Auszubildende zu finden. Engelhorn in Mannheim stellt sich darauf ein – und geht aktiv auf neue Bewerber-Zielgruppen zu.

Die Bewerbungen sind geschrieben, die ersten Auswahlgespräche laufen, doch so manche Lehrstelle könnte am Ende eine Leerstelle bleiben. In gut jedem vierten Ausbildungsbetrieb im Textileinzelhandel (26 %) werden in diesem Jahr voraussichtlich nicht alle Ausbildungsplätze besetzt werden können, weil es an geeigneten Bewerbern fehlt. Das geht aus einer Umfrage im Testclub der TextilWirtschaft hervor. Nach Einschätzung der befragten Händler verfügt im Durchschnitt nur gut jeder zweite Bewerber um einen Ausbildungsplatz (57 %) über die nötige Ausbildungsreife. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) verweist auf ein generelles Problem. Demnach sind 2011 in der gesamten deutschen Wirtschaft rund 75 000 Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben. Zwar wuchs die Zahl der neuen Ausbildungsverträge im Vorjahresvergleich um 4 auf 540 000. Doch hätte das Plus „erheblich höher“ ausfallen können, wenn es mehr geeignete Bewerber gäbe, sagt DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben.

In Zukunft werde es für Betriebe aufgrund des demografischen Wandels noch schwieriger, die richtigen Kandidaten zu finden. Laut DIHK wird es im Jahr 2020 rund 200 000 Schulabgänger weniger geben als 2005 – ein Rückgang um mehr als 20 %. Zudem sei der „Trend zum Studium ungebrochen“. „Die Betriebe sehen sich in den nächsten Jahren einem drastischen Schrumpfen des Bewerbermarktes gegenüber“, so Wansleben. Jörg Noh, Leiter Aus- und Weiterbildung bei Engelhorn in Mannheim, kennt die Situation. Er macht immer wieder die Erfahrung, dass es vielen Bewerbern an schulischen Grundkenntnissen mangelt, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Doch Noh hält sich nicht mit Klagen auf. Die Unternehmen seien eben selbst gefordert, das Beste daraus zu machen. „Wir haben es als unsere Aufgabe angenommen.“ Engelhorn habe schon vor Jahren damit begonnen, sich intensiver um die Auszubildenden zu kümmern. So erhalten die Azubis des Mannheimer Familienunternehmens neben dem Berufsschulunterricht und der innerbetrieblichen Ausbildung zusätzliche Weiterbildungsangebote, in denen Lehrstoff der Schule nachgearbeitet wird. Konkret geht es an 15 Tagen im ersten Lehrjahr etwa um Rechtschreibung und Zeichensetzung, Prozentrechnen und Dreisatz. In Zukunft wird sich der Betreuungsaufwand noch erhöhen: Denn Engelhorn geht auf eine neue Bewerber-Zielgruppe zu. Künftig will das Unternehmen auch Hauptschüler als Azubis einstellen. Bisher habe Engelhorn von Bewerbern mindestens einen Realschulabschluss erwartet, sagt Noh. Nun öffnet sich das Handelsunternehmen. Gleichzeitig wurde die Zahl der Ausbildungsplätze, die neu besetzt werden sollen, im Vergleich zum Vorjahr
um fünf auf 25 erhöht. Als Grund nennt Noh zum einen den demografischen Wandel, der zu einem Rückgang der Bewerberzahlen führen könnte. Eine Rolle spiele aber auch die Situation in der wirtschaftlich starken Rhein-Neckar-Region, wo viele namhafte Arbeitgeber, darunter internationale Konzerne wie BASF und SAP, um den Nachwuchs werben. „Wir können uns künftig nicht mehr nur auf die High Potential-Azubis beschränken und an einer kompletten Zielgruppe einfach vorbeigehen“, ist Noh überzeugt. „Wir müssen alle Bewerber ansprechen, die grundsätzlich für den Einzelhandel infrage kommen – und dazu zählen eben auch die Hauptschüler.“

Mit der Öffnung einher geht eine stärkere Differenzierung im Ausbildungsangebot: Realschülern oder Abiturienten bietet Engelhorn wie bisher u. a. die dreijährige Ausbildung zum Kaufmann bzw. zur Kauffrau im Einzelhandel an. Azubis mit Hauptschulabschluss absolvieren zunächst die zweijährige Ausbildung zum Verkäufer. Bei gutem Abschluss können sie nach einem weiteren Jahr die kaufmännische Prüfung ablegen. Darüber hinaus gibt es noch ein weiteres neues Ausbildungsangebot für eine neue Zielgruppe: In diesem Jahr führt Engelhorn ein Trainee-Programm ein. Es ist für Hochschulabsolventen mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund oder bsolventen der LDT Nagold gedacht. Bisher bieten vor allem größere Hndelsunternehmen Trainee-Programme an und vermarkten diese als systematische Vorbereitung für die Karriere. Jetzt zieht Engelhorn gleich. Während des Programms, das, wie in den meisten Firmen üblich, 18 Monate dauert, durchlaufen die Trainees Abteilungen wie Verkauf, Logistik, E-Commerce, Warenwirtschaft, Werbung und Personal. Gleichzeitig nehmen sie am innerbetrieblichen Ausbildungsprogramm für Nachwuchsführungskräfte teil. Zwei bis drei Trainees will Engelhorn pro Jahr einstellen.

Noch offen ist allerdings, wie viel sie verdienen werden, keine leicht zu entscheidende Frage. Ein Trainee-Gehalt von rund 40 000 Euro pro Jahr oder mehr, wie es in Konzernen gezahlt werde, sei für ein mittelständisches Handelsunternehmen wie Engelhorn nicht zu realisieren, sagt Noh. Andererseits darf die Bezahlung aber auch nicht zu niedrig sein, will man als Arbeitgeber konkurrenzfähig bleiben. Ein weiterer kritischer Punkt ist die Zielposition nach dem Abschluss: Die Trainees sollen zunächst in die Position des stellvertretenden Abteilungsleiters übernommen werden, bevor sie in die Abteilungsleiter/Einkäufer-Position aufrücken. Sofort auf dieser Ebene einzusteigen, sei einfach nicht möglich, sagt Noh, weil die Aufgaben zu komplex seien. Abteilungsleiter des Hauses trügen zum Teil Verantwortung für 30 bis 40 Mitarbeiter und für einen Umsatz in zweistelliger Millionenhöhe. Aber werden sich junge Akademiker mit einem Uni-Abschluss in BWL damit zufrieden geben, nach einem Trainee-Programm erst einmal als stellvertretender Abteilungsleiter anzufangen? Hier gelte es noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, sagt Jörg Noh. Jetzt komme es darauf an, den interessanten Kandidaten klar zu machen, wie anspruchsvoll die Aufgaben sind und wie viel Verantwortung damit verbunden ist. „Wir müssen das noch viel stärker kommunizieren.“

Ausbildung bei engelhorn:

Spontane O-Töne, Wackelkamera-Sequenzen und ein Design im Stil von facebook: Mit einem temporeichen Film wirbt Engelhorn im Internet für die Ausbildung im eigenen Haus. Der Streifen wurde von den Azubis des Hauses entwickelt, einige kommen darin auch selbst zu Wort. Im ähnlichen Look präsentiert sich Engelhorn in einer Ausbildungsbroschüre. Ziel ist es, sich in der Region als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Engelhorn bildet in vier Berufen aus: Gestalter/in für Visuelles Marketing, Verkäufer/in, Kaufmann/-frau im Einzelhandel und Handelsfachwirt/in IHK. Das Familienunternehmen mit 37 500 m² Verkaufsfläche in Mannheim und Viernheim sowie rund 1500 Mitarbeitern gilt als innovativ in Sachen Aus-und Weiterbildung. 2007 wurde der duale Studiengang Handelsmanagement (in Kooperation mit der FH Worms) eingeführt, damals eine relativ neue Form der Abiturienten-Ausbildung. Für Nachwuchskräfte mit Potenzial gibt es ein strukturiertes Entwicklungsprogramm, das aus drei Modulen besteht und Teilnehmer systematisch für die Positionen Verkaufsassistent, stellvertretender Abteilungsleiter und Abteilungsleiter qualifiziert.

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