19.07.2012 | Mannheimer Morgen

Banges Warten auf eine neue Prognose

Arbeitsmarkt: Stellenabbau in Deutschland hat bisher branchen- und firmenspezifische Gründe / Nächste Woche Vorhersagen der börsennotierten Konzerne

MANNHEIM. Schlecker, Karstadt, Metro, RWE und Opel in ganz Deutschland, Alstom und Heidelberger Druckmaschinen an Rhein und Neckar – viele namhafte Konzerne bauen dieser Tage Arbeitsplätze ab. Droht jetzt infolge der nachlassenden Konjunktur, die wiederum ihre Ursachen in der europäischen Staatsschuldenkrise hat, ein Einbruch auf dem deutschen Arbeitsmarkt?

Wolfgang Franz, Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und Vorsitzender er „Wirtschaftsweisen“ widerspricht: „Die aktuellen Stellenstreichungen beruhen auf spezifischen Problemen der Firmen, Grund ist nicht die aktuelle Wirtschaftslage“, so Franz in einem Interview. Auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen spricht von Strukturproblemen, nicht so sehr von den Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise auf den deutschen Arbeitsmarkt. Spätestens nächste Woche, wenn weitere große börsennotierte Unternehmen ihre Zahlen für das zweite Quartal 2012 sowie einen Ausblick für den Rest des Jahres vorlegen, wird sich zeigen, wie stark die Krise Geschäfte und Arbeitsplätze bedroht. Erste Anzeichen dafür, dass es nicht mehr so gut läuft, gibt es schon. Der Walldorfer Softwarekonzern SAP hat zwar letzte Woche mit guten Zahlen überrascht. Doch es geht unter Finanzanalysten die Vermutung um, dass die Vertriebspipeline dafür „ziemlich ausgequetscht“ wurde. Heute in einer Woche legt der Chemiekonzern BASF Zahlen und Prognosen vor. Weil die Ludwigshafener ihre Produkte in zahlreiche Abnehmerbranchen (Auto, Bau, Landwirtschaft, Konsumgüter, Elektro) liefern, sind sie ein verlässlicher Früh-indikator für die weitere Entwicklung der gesamten deutschen Wirtschaft und des Arbeitsmarkts. Bislang lassen sich für den Abbau von Arbeitsplätzen aber vor allem unternehmens- und branchenspezifische Gründe finden. Bei Schlecker zeigen Konkurrenten wie dm aus Karlsruhe, dass sich mit Drogeriemärkten durchaus gute Geschäfte machen lassen. Karstadt und Metro dagegen spüren den Strukturwandel im Handel in Richtung Internet-Shops deutlich. Wer sein Internet-Geschäft beizeiten ausgebaut hat, wie etwa Engelhorn in Mannheim, kann profitieren. Ein ähnlicher Strukturwandel – in Richtung Internet - macht sich bei Heidelberger Druckmaschinen seit längerem negativ bemerkbar. Hier wurden in der Heidelberger Zentrale sowie im Werk Wiesloch zuletzt mehr als 900 Jobs gestrichen.

Der Energiekonzern RWE spürt die Folgen des Atomausstiegs bei den Beschäftigtenzahlen, gleiches gilt für den Mannheimer Kraftwerksbauer Alstom. Bei Alstom wird es im September Kurzarbeit geben. Wenn für die Energiebranche rasch politische Entscheidungen zur Energiewende (Ersatzkraftwerke, wenn Wind und Sonne ausbleiben, Anbindung von Windparks) fallen, kann es hier aber schnell wieder anders aussehen. Opel ist ein Dauer-Problemfall, aber auch hier ist die Notlage selbst verschuldet. Dass es in der Autobranche auch anders geht, demonstrierte vorgestern der Daimler-Konzern, der in seinem Pkw-Werk in Rastatt 1,2 Milliarden Euro investiert und allein dieses Jahr 500 neue Stellen schafft.

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