15.11.2005 | Rhein Neckar Zeitung

Ein Name mit viel Gewicht

Bjoern Daehlie im RNZ-Interview

Mannheim. Eigentlich wollte Bjoern Daehlie bis Turin 2006 weitermachen. Doch ein schwerer Unfall auf Rollerskis 1999 machte die Hoffnung auf zwei weitere glanzvolle Olympiaden zunichte. Seither widmet sich der 38-Jährige seinem Unternehmen für Skibekleidung und bleibt dem Langlaufsport als Botschafter erhalten. Daehlie, erfolgreichster Langläufer der Welt, ist kein Mann der großen Töne. Dass er dennoch viel zu erzählen hat, erfuhr die RNZ beim Interview in Mannheim, wo er bei „engelhorn sports“ zu Gast war.

[] Herr Daehlie, 2001 traten Sie mit 34 zurück. In Ihrer Pressmappe wird heute immer noch dieses Alter angegeben. Ticken seither die Uhren für Sie gemächlicher?

D a e h l i e : „Eigentlich nicht. Ich arbeite ständig an neuen Kollektionen und fahre viel zu Wettkämpfen. Heute Morgen war ich bei der Ski-Expo in Finnland, dort ist gar nichts gemächlich – die Leute sind nervös, weil es noch nicht geschneit hat.“

[] Nach dem Unfall sind Sie also nahtlos vom Sport ins Arbeitsleben gewechselt? Kein Durchatmen, keine Langeweile?

D a e h l i e : „Die ersten Monate nach der Verletzung waren sehr hart. Ich wollte unbedingt wieder antreten, aber mit meinem lädierten Rücken hatte ich den Anschluss verloren. Das hat mir schwer zu schaffen gemacht und war keineswegs nahtlos.“

[] Sieht man Sie gar nicht mehr auf Ski?

D a e h l i e : „Doch, nach wie vor. Mit meiner Partnerfirma ODLO haben wir die Biathlon-Nationalteams aus Frankreich, Bulgarien, Estland und Norwegen unter Vertrag. Immer wenn ich die im Trainingslager besuche, gehe ich mit in die Loipe.“

[] Fährt ihr Landsmann Ole Einar Bjoerndalen Ihnen dann davon?

D a e h l i e : “Leider ja. Es hat mich erschreckt, wie schnell meine Form weg war. Früher bin ich 15000km pro Jahr gefahren, inzwischen nur noch ein Zehntel davon. Da hängt der Ole mich natürlich ab.“

[] Der Körper streikt…

D a e h l i e : „Das nicht. Allerdings hatte ich anfangs Angst, mein Herzmuskel sei zu groß, um so abrupt zur Normalbelastung zu wechseln.“

[] Sie haben 12 olympische und 17 WM-Medaillen gewonnen, sechs Mal den Weltcup geholt. Wenn Sie ans Siegen zurückdenken, welche Bilder kommen zuerst?

D a e h l i e : „Da sehe ich ganz deutlich den Olympiasieg von Lillehammer 1994 vor mir. Bei strahlend blauem Himmel und klirrender Kälte gewann ich vor 100.000 norwegischen Zuschauern. Genial.“

[] Und Tage später die Niederlage gegen die Italiener in der Staffel…

D a e h l i e : „Das war der schlimmste Moment meiner Karriere – bei denselben Spielen vor denselben Zuschauern! Es war schrecklich, weil ich bis zum Ende dachte, ich könnte im Sprint taktieren und würde den Italiener Silvio Fauner stehen lassen.“

[] Mit wenigen Ausnahmen dominierten Sie in den 90er Jahren fast nach Belieben. Verraten Sie uns Ihr Geheimnis?

D a e h l i e : „Im Winter trainieren sehr viele sehr hart. Ich habe mich aber auch im Sommer gequält, bin bei Leichtathletik-Rennen über 3000, 5000 und 10000 Meter mitgelaufen. Ein Geheimnis ist das aber nicht.“

[] Was gehört noch dazu? Talent?

D a e h l i e : „Talent ist das Wenigste. Die Einstellung ist viel wichtiger, und natürlich das Umfeld. In Norwegen sind Schule und Sport super integriert: Bei Bedarf hatte ich immer frei. Außerdem habe ich gelernt, als Athlet zu leben und auf meinen Körper zu hören. Ich machte Pausen, wenn das nötig war. Die technische Grundausbildung in der Jugend ist sicher auch entscheidend.“

[] Und Doping? Professor Franke aus Heidelberg bezeichnete den Langlauf als nach dem Radsport „zweitverseuchteste Sportart“ – 2001 war das halbe finnische Nationalteam gedopt. Hat Sie das überrascht?

D a e h l i e : „Ja, sehr. Aber seither hat sich viel getan. Die Welt-Anti-Doping-Agentur darf überall unangekündigt zu Trainingskontrollen erscheinen. In Finnland habe ich mich selbst überzeugt, dass sich die Strukturen verändert haben. Der Sport ist sauberer geworden.“

[] In Norwegen sind Sie weiter sehr populär. Sie organisieren Sportveranstaltungen für Kinder, geben häufig Interviews, und Sie hatten sogar eine eigene TV-Show…

D a e h l i e : „Das hat Spaß gemacht. Ich war drei Jahre mit Vegard Ulvang unterwegs, einem sehr bekannten norwegischen Langläufer. Wir haben Elche gejagt, waren zum Fischen in Alaska und Südamerika. Einmal haben wir im Iran Langlauf gemacht und dabei ein paar einheimische Läufer getroffen. Die erkannten uns und sind fast ohnmächtig geworden.“ Niklas Schenck

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