27.08.2006 | Sonntag Aktuell

Achim Beck ist derzeit beim Ultra Trail Tour du Mont Blanc unterwegs

Es geht immer noch extremer

Ober-Flockenbach. Zugegeben. Manche haben mich für verrückt erklärt, lacht Andreas Beck. Doch der 40-jährige Extremsportler aus Ober-Flockenbach im Odenwald ließ sich davon wenig beeindrucken. Seit Freitagabend um 19 Uhr erfüllt er sich seinen Lebenstraum. Im Dauerlauf und am Stück 158 Kilometer rund um den Mont Blanc. Über Stock und Stein, abgetretene und nachts unbeleuchtete Trampelpfade und mit zu absolvierenden 8500 Höhenmetern, führt sein langer Weg bis in die dünne
Luft am 2539 Meter hoch gelegenen Grand Col Ferret, vom französischen Skiparadies Chamonix durch die Savoyer Alpen, das Val d´Aoste in Italien durchs Schweizer Vallis und zurück nach Chamonix. Wer sich dieser Herausforderung stellt, der betreibt Ultra-Trail, einen Berglauf ohne Klettern, erklärt der verheiratete Vater von drei Kindern, der vor einem Jahr begann, sich intensiv auf die Ultra-Trail Tour du Mont Blanc, so der offizielle Titel dieser in Europa einmaligen Veranstaltung, vorzubereiten. Läufe dieser Art gibt es weltweit nur noch zweimal. Im Himalaya-Gebirge von
Nepal und in den Anden von Peru, weiß der in St. Georgen im Schwarzwald geborene ­praktisch mit den Bergen aufgewachsene ­ Dauerläufer seit Kindesbeinen. 2000 Läufer aus aller Welt wollen die fast viermal so lange Distanz eines gewöhnlichen Marathons (42,195 Kilometer) absolvieren. Insgesamt 44 Stunden haben sie dafür Zeit. Achim Beck, der zuletzt rund 150 Kilometer pro Woche im Training abspulte, will es in deren 23 schaffen. Primär wichtig ist mir aber, dass ich überhaupt ankomme, hofft der Sportwaren-Verkäufer im Mannheimer Traditions-Unternehmen Engelhorn sports. Ich arbeite hier in der Bergsportabteilung. Und weil der Hauptsponsor des Events ein amerikanischer Fachausrüster ist, den wir auch im Programm haben, kam überhaupt erst der Gedanke auf. Es gab eine Anfrage an meinen Arbeitgeber, ob es im Hause einen Interessierten gibt, der mit dabei sein will. Darauf habe ich mich gemeldet und in der Vorbereitung entsprechende Unterstützung bekommen, kann Achim Beck seine schweißtreibende Laufarbeit fast sogar als Geschäfts- oder Fortbildungsreise betrachten: In gewissem Sinne schon, lacht er.
Ausgerüstet mit einem Versorgungsrucksack, integriertem Getränkeschlauch, einer Jacke gegen Wind und Regen, Base-Cap, Energie-Riegeln und Power-Packs, einer kleinen Erste-Hilfe-Grundausrüstung, Rettungsdecke, Trillerpfeife und zwei Stirnlampen, geht er das Unternehmen an. Die Lampen brauchst du nachts, weil es da überall
stockfinster ist. Die Trillerpfeife, um dich bemerkbar zu machen, falls du dich verletzt.
Auch wenn es Betreuungs- und Verpflegungsstationen gibt, medizinische Versorgung im Notfall gewährleistet ist, erzählt Beck, der sich Anfang des Monats ­ im letzten dreitägigen Trainingslager ­ schon mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut gemacht hat. Ich kenne die Gegend zwar ohnehin ganz gut. Aber derartig steile Anstiege kannst du hier in Deutschland gar nicht laufen. In meinem näheren Umfeld, im Odenwald, konnte ich mir die Grundausdauer holen. Im meiner Heimat im Schwarzwald bin ich dann mittelschwere Strecken gelaufen.
Danach kam die Extrembelastung, so Beck weiter. Das ist vor allem in der Höhenluft ungemein wichtig. Das wird der kritische Punkt sein. Da steigen die Meisten aus, schätzt der in seiner zuletzt zu kurz gekommen Freizeit Anhänger guter Bücher, feiner Jazz-Töne und Hochland-Touren: Gleich, ob zu Fuß, auf dem Rennrad oder mit dem Mountain-Bike ­ Bewegung ist für den Extremsportler ein Gebot der ersten Stunde.
Und er erwartet vor dem Rennen: Nicht mehr als 400 Läufer werden das Ziel erreichen. Das sind Erfahrungswerte früherer Veranstaltungen. Ich möchte auf alle Fälle dabei sein. Meine Familie wird mich vor Ort entsprechend anfeuern. Wetten habe ich aber nicht abgeschlossen.
Ganz unerfahren in Sachen Ausdauerlauf-Veranstaltungen ist Achim Beck nicht. Sowohl beim Suisse Alpin in Davos ­ dort werden immerhin 78 Kilometer gelaufen ­ als auch beim Jungfrauen-Marathon in Interlaken über die historische Distanz ging der ehrgeizige Sportler bereits an den Start und konnte finishen. Wenn du das Gebiet kennst und einigermaßen weißt, was auf dich zukommt, ist das vom Kopf ein entscheidender Vorteil. Man weiß einfach, was einen erwartet und kann sich die Kräfte entsprechend einteilen, spricht er aus Erfahrung, die er auch rund um den höchsten Berg Europas (4810 Meter) in die Waagschale werfen will.
Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe war leider noch nicht in Erfahrung zu bringen, ob Achim Beck die 158 Kilometer im holprigen aber traumhaften Alpengelände bis nach Chamonix zurück geschafft hat. Möglich, dass er gar noch unterwegs ist. Erst heute Nachmittag, 15 Uhr, läuft das Zeitlimit für ihn ab. Was danach kommt, wusste er schon vor dem Startschuss ­ unabhängig vom Ausgang ­ ganz genau: Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe.


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