16.11.2004 | Mannheimer Morgen/Wirtschafts Morgen

Maßanzüge per Mausklick

Ein dunkler Raum, ein schwarzes Podest, das von 4 Säulen flankiert ist: Ein Mann betritt den Raum, ein Schritt und er steht auf der Erhöhung, regungslos. Und dann passiert es: 2 in den Säulen integrierte Scanner werden aktiviert. Über den Körper tastet sich vom Kopf bis zu den Füßen eine rote Linie. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei. Der Mann verlässt das Podest und den Raum. Diese Szene, die jeden „Raumschiff Enterprise“-Fan an das Beamen von Commander Kirk und seinem Ersten Offizier Spock erinnert, kann man heute ganz ohne Aufwand im Mannheimer Bekleidungshaus engelhorn erleben. Doch das Ziel ist dabei nicht die Besiedlung und Erkundung fremder Welten, sondern es liegt wesentlich näher.

Seit September ist in der Herren-Maßkonfektionsabteilung des Modehauses ein 3D-Bodyscanner installiert. Er vermisst die Kundschaft in Sekundenschnelle und man gewinnt Zeit, mit dem Chef des Engelhorn Ateliers, Leonardo Papandrea, in Ruhe seinen ganz persönlichen Anzug auszuwählen. Auch hierbei hilft der Computer, zeigt beispielsweise unterschiedliche Schnitte, Kragen- und Taschenformen oder präsentiert die verschiedenen Möglichkeiten, die Knöpfe an den Jackettärmeln anzuordnen. Ist die Entscheidung gefallen, werden sämtliche Daten online an den Hersteller übertragen. In vier Wochen ist der Anzug fertig. „Noch bieten nicht alle Hersteller dieses Verfahren an“, so Andreas Hilgenstock, Geschäftsführer des Modehauses engelhorn. Aktuell arbeitet man mit den Bekleidungsmarken Windsor, Odermark und van Laack zusammen. Doch ist man mit den ersten Erfahrungen sehr zufrieden, sowohl mit der Qualität der gelieferten Anzüge als auch mit der Akzeptanz durch die Kunden. Dabei legt Hilgenstock Wert darauf, dass die traditionelle Maßschneiderei bei engelhorn selbstverständlich weiter existiert.

Vor allem erstklassige italienische Firmen wie Brioni oder Cerruti haben ihre Klientel bei dem Mannheimer Unternehmen, auch wenn sie keine Übermittlung der Daten per Internet anbieten und die Kundschaft hier noch „per Hand“ vermessen werden muss. Doch das Interesse für das neue Angebot sei groß, vor allem bei Kunden, die bisher von der Stange gekauft haben, berichtet Hilgenstock von den ersten Eindrücken. Passend zum Einstieg ins Online-Zeitalter hat man deshalb auch eine eigene Internet-Seite für diesen Bereich eingerichtet, der auch für Termin-Vereinbarungen genutzt werden kann:
http://www.engelhorn-atelier.de.
Hilgenstock glaubt, dass das neue Angebot auch preislich mit der normalen Konfektion mithalten kann. Um die Kundschaft auf den Geschmack zu bringen, bietet er einen Anzug der Firma Odermark incl. einem van Laack-Hemd für EUR 499.– an. Doch ganz glücklich ist er noch nicht – hat das Thema „Body-Scanning“ für maßgeschneiderte Mode doch noch ein gewaltiges Manko.

Für den weiblichen Teil der Bevölkerung gibt es dieses Angebot nämlich noch nicht. Frauen sind eben schwerer zu vermessen als Männer. „Da hat sich bisher noch kein Hersteller drangetraut“, so Hilgenstock. „Doch wenn es so weit ist, sind wir selbstverständlich sofort dabei“.

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