05.10.2007 | Mannheimer Morgen

Meile zum Verweilen: Bäume, Straßencafés und kleinteilige Fassaden

Der Architekt Dieter Blocher und seine Visionen einer Fußgängerzone / Bahn bringt „Leben und Frequenz

Er hat sich – zuletzt bei der Planung des neuen Engelhorn-Hauses – intensiv mit der Mannheimer Fußgängerzone auseinander
gesetzt, und die Planken kennt Dieter Blocher aus dem Effeff. Wir haben den renommierten Architekten nach seiner Meinung
zum Thema Umgestaltung gefragt.
Herr Blocher, stellen Sie sich doch einfach mal vor, Sie dürften die Planken ganz nach Ihren Vorstellungen umgestalten. Wie sähe Ihre Vision einer Einkaufsmeile aus?
DIETER BLOCHER: Sie hätte den Charme und die Atmosphäre eines Basars: kleinteilige Fassaden und mannigfaltiger Nutzungsmix anstelle einer immer größer werdenden Zahl von filialisierten Geschäftsbetrieben, die unseren Städten den Reiz der Einzigartigkeit und der Individualität nehmen. Diese Einkaufsmeile hätte eine wahrnehmbare Mobilität, Straßencafés zum Sehen und Gesehenwerden – schlichtweg anregende Reize für Geist und Seele und eine Aktivität weit über die Geschäftsöffnungs- zeiten hinaus. Aber sie sollte auch atmen, sollte Schatten und Geborgenheit spenden, und dazu braucht es mehr Bäume. Ich wünsche mir die Kombination einer pulsierenden Hauptschlagader mit Oasen des Abschaltens und Verweilens.
■ Wie stark kann man denn – beispielsweise mit Ummöblierungen und mit einem neuen Straßenbelag – eigentlich das Gesicht einer solchen Fußgängerzone verändern?
BLOCHER: Die Planken heben sich von anderen Fußgängern durch die gute Mischung von konsumig und wertig ab. Diese Zentralität gilt es zu stärken und auszuweiten in das benachbarte Umfeld – wie bereits bei den Kapuzinerplanken geschehen.
Außerdem könnten die großen Handelsbauten mehr zur Einbindung und zur Belebung beitragen. Im Gegensatz zu allen Mannheimer Großflächenbetreibern haben wir uns bei Engelhorn zum Ziel gesetzt, rund um die Gebäude kleinteilig aufzutreten
und mit einer Vielfalt von peripher angeordneten, kleinteiligen Fachgeschäften das jeweilige Quadrat zum Straßenraum hin zu öffnen und damit einen signifikanten Beitrag zur urbanen Maßstäblichkeit geleistet. Um die Aufenthaltsqualität zu
erhöhen, können – wie wir im Bereich der jüngst umgestalteten Kurpfalzachse sehen – neue Möblierungen und Straßenbeläge
wertvolle Beiträge sein. So lässt sich beispielsweise der Boulevard-Charakter akzentuieren. Auch Wasserspiele oder Platanen,
die wie Schirme wirken, könnten die Atmosphäre stützen.
■ Die Mannheimer wollen, das zeigt unsere repräsentative Umfrage überdeutlich, auf jeden Fall die Straßenbahn auch weiter durch die Planken rollen sehen. Inwieweit lässt sich also der ÖPNV kreativ und modern in eine solche Fußgänger- und Einkaufszone einbinden?
BLOCHER: Ich finde nicht, dass man da in Mannheim etwas Neues erfinden muss. Unterirdisch lässt sich natürlich alles schneller und bequemer organisieren. Dagegen muss man oberirdisch immer die Augen offen halten. Dennoch: Diese Art des öffentlichen Personennahverkehrs bedeutet für eine Fußgängerzone Leben Frequenz und darüber hinaus Sicherheit in den Abend und Nachtstunden. Ich bin überzeugt, dass die Bewegung der Tram unmittelbar zum städtischen Organismus gehört. Wenn man
sich auf der Welt in Städten von Istanbul bis Zürich umschaut, die den ÖPNV in ihren Fußgängerzonen integriert haben,
dann zeigen die Beispiele, dass die Aufenthaltsqualität gestärkt worden ist.

Zur Person Dieter Blocher
Dieter Blocher – Jahrgang 1956 – hat an der Universität Stuttgart und dem IIT (Chicago) Architektur studiert. Zunächst arbeitete er in verschiedenen Architekturbüros mit und war parallel dazu Lehrbeauftragter an der Stuttgarter Uni. 1989 gründete er Blocher
Blocher Partners, heute beschäftigt das Büro mit Niederlassungen in Stuttgart und Mannheim mehr als 100 Architekten, Innenarchitekten und Designer. In Mannheim ist das Architekturbüro seit 1992 beispielsweise für alle Bau-Maßnahmen von Engelhorn verantwortlich. Kürzlich schloss man die Renovierung und den Umbau im Schloss ab (Wiederherstellung des Mansarddaches/Bibliothek/Museum), außerdem plant Blocher hier das Projekt Riwwerside.


zurück zur Übersicht