24.07.2008 | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Sommerschlussverkauf ist passé

Mittelständischer Modeeinzelhändler Engelhorn kämpft gegen die großen Textilketten wie H&M und Zara

Mannheim, 23. Juli. Am Tag, als in Deutschland der Sommerschlussverkauf beginnt, sind Richard und Fabian Engelhorn ganz entspannt. „Da hält sich doch keiner mehr dran“, winkt Richard Engelhorn ab. Der Seniorchef des gleichnamigen Bekleidungshauses kennt noch die Zeiten als vor den Eingangstüren kurz vor Ladenöffnung heftig gedrängelt wurde und ein Sturm auf die Wühltische bevorstand, als gebe es morgen nichts mehr.
Früher wurde zweimal im Jahr eine neue Modekollektion präsentiert: die Winter- und die Sommerkollektion. Was nicht wegging, kam mit Rabatt in den Sommer- oder den Winterschlussverkauf. Das war einmal. Das Tempo in der Branche geben heute Firmen wie H&M, Esprit und Zara vor. Fast jeden Monat gebe es neue Kollektionen. „Das ist viel aktueller, die können auf Geschmack-, Mode- und Farbtrends besser eingehen“, sagt Engelhorn senior. Dafür haben diese aber auch einen permanenten Resteverkauf, „und damit dist der traditionelle Schlussverkauf gestorben“, erklärt sein Sohn Fabian Engelhorn.
Engelhorn aus Mannheim ist mit seinem Umsatz von rund 150 Millionen Euro eines der größten deutschen Bekleidungshäuser im Familienbesitz mit überregionalem Bekanntheitsgrad, vergleichbar mit Loden-Frey in München oder Breuninger in Stuttgart. Eigentümer sind Richard und Fabian Engelhorn sowie Andreas Hilgenstock. Der ist Fabians Cousin und ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter. Mit Adidas-Chef Herbert Hainer und dem einstigen Miteigentümer von Hugo Boss, Uwe Holy, ist der Engelhorn-Aufsichtsrat prominent besetzt
Natürlich hätten es traditionelle Einzelhändler den großen Konkurrenten wie Zara gern nachgemacht und die Zahl der Kollektionen erhöht. Doch dagegen stand die Bekleidungsindustrie. Das traditionelle Bekleidungshaus sei von vielen Markenherstellern abhängig, erklärt Richard Engelhorn. „Und die muss man kräftig anschieben“, moniert er deren Schwerfälligkeit. H&M und die anderen haben dagegen nur wenige Marken und Lieferanten. Immerhin hat man bei einigen Bekleidungsherstellern ein Lernprozess stattgefunden. Hugo Boss hat mittlerweile sechst Kollektionen im Jahr, auch bei Gerry Weber ist die Zahl gestiegen. „Es sind vor allem die Hersteller, die auch eigene Läden haben, die merken, dass sie schneller werden müssen“, ist Fabian Engelhorns Erfahrung. Flexibilität war lange nicht nötig. Das Wachstum der Hersteller kam aus dem Auslandsgeschäft. Es gab deshalb keinen Zwang, sich auf dem deutschen Markt zu verändern. Mittlerweile lässt das Auslandswachstum bei den Herstellern nach, sie wollen hierzulande keine Marktanteile verlieren. „Sieben bis neun Jahre“, schätzt Fabian Engelhorn, werde es dauern, bis die Industrie so weit ist. Einerseits fehlt der Leidensdruck. Andererseits mangelt es an Macht. „Einzelhändler handeln einzeln“, sagt Engelhorn senior. Die Einkaufsvolumina sind zu klein.
Das Tempo der anderen hat aber seinen Preis und ist eine Chance für Einzelhändler. „Es wird immer mehr mindere Qualität schneller verkauft“, hat er beobachtet.. Sein Haus halte mit Qualität, Beratung, stil und Seriosität dagegen, „Qualität wird sich durchsetzen“, ist er sich sicher, auch wenn die Konjunktur sich eintrübe. Ein Konjunkturabschwung könnte hierzulande schneller kommen, als viele denken. Bekleidung ist ein guter Frühindikator. „hier sparen die Leute zuerst, schließlich hat jeder etwas zum Anziehen im Schrank“, weiß Fabian Engelhorn. Wenn im Herbst die Heizöltanks gefüllt werden müssen und das womöglich mehr als ein Monatsgehalt kostet, schlägt sich das beim Konsum nieder.

zurück zur Übersicht