01.07.2008 | Mode in der Bel Etage - Special der Textil Zeitung

Shopping auf Hauben-Niveau

Herr Engelhorn, Sie kommen gerade vom Finale der EURO 2008 zurück
nach Mannheim. Mit dem Spielergebnis sind Sie wahrscheinlich nicht
ganz zufrieden, aber ich hoffe, Sie hatten trotzdem ein nettes Wochenende
in Wien!
Wenn man schon ins Finale kommt, hofft man natürlich, dass man auch gewinnt. Aber so wie die deutsche Mannschaft gespielt hat ... ohne Tore schießen gehts halt nicht.

Haben Sie in Wien auch die Gelegenheit für einen kleinen Einkaufsbummel
genützt?
Natürlich. Wien ist ja eine faszinierende und tolle Stadt, in der man immer wieder gern ein verlängertes Wochenende verbringt. Mir gefällt sehr, wie sich Wien in den letzten Jahren entwickelt hat. Die meisten Gebäude glänzen ja wieder in vollster Pracht. Es macht Spaß zu sehen, wie die Österreicher mit ihrer Geschichte umgehen. Die Vergangenheit wirkt hier noch total lebendig.


Haben Sie auch Lieblingsgeschäfte in Wien? Speziell, was die Mode
anbelangt?
Immer wieder begeistert mich der Meinl am Graben. So etwas gibts bei uns noch viel zu wenig. Aber in der Mode? ... Nee, also eigentlich nicht. Nicht wie in Mailand oder Paris.


Um auf Ihr Haus Engelhorn zurückzukommen: Alle reden vom Trading-up,
Sie haben es praktiziert. Warum eigentlich?
Der Begriff ist mir schon ein bisschen zu stark strapaziert. Wir haben uns natürlich weiterentwickelt und nach oben hin, in den exquisiten Sektor hinein angebaut. Im Erdgeschoss fi nden Sie heute Shops von Gil Sander, Zegna oder Burberry. Wir haben aber im Gegenzug unten kaum etwas abgeschnitten. Bei uns kriegen Sie immer noch Hemden für 29 Euro. Die Mitte aber hat sich nach oben verschoben, das ist richtig.
Der Grund dafür? Nun, im wirklich billigen Segment werden wir niemals konkurrenzfähig sein, weil wir nicht die gleichen Einkaufsvolumina besitzen wie internationale Handelsketten. H&M und C&A werden in Asien ihre T-Shirts immer zu einem besseren Preis einkaufen, dagegen können wir nicht ankämpfen. Es geht uns aber nicht nur um das Markenangebot: Die Ansprüche unserer Kunden nehmen ständig zu. Deshalb ist uns auch die Ausbildung unserer Mitarbeiter so wichtig. In einem so großen Haus besteht immer die Gefahr, dass es unpersönlich wird. Bei uns soll sich die Kundin aber so gut betreut fühlen wie in einer kleinen Boutique. Daher haben wir im Rahmen des Umbaus auch die Zentralkassen abgeschafft.
Jetzt gibt es 38 übers Haus verteilte Kassen, somit kann jede Verkäuferin
ihre Kundin bis zur Verabschiedung begleiten.


Es gibt Mitbewerber, die sagen: »Luxus macht sich gut für die PR, aber
wirkliches Geld verdienen wir mit etwas anderem ...«
Da bin ich ganz anderer Ansicht. Es gibt in jedem Feld, in dem wir uns bewegen, Marken mit einer besseren und Marken mit einer schlechteren Marge. Bei uns haben alle Profit-Center Geld zu verdienen, egal ob das die junge Mode, das Sporthaus oder eine Exquisit-Abteilung ist.
In den letzten Jahren haben sich die Accessoires zu einem der wichtigsten
Ertragsbringer entwickelt. Sie haben diesem Produktbereich seit dem
Vorjahr gleich ein ganzes Haus gewidmet. Die Accessoires wachsen wirklich sehr stark, unser neues Angebot wird gerade im Bereich der Schuhe unglaublich gut angenommen. Schuhe und Textilien sind ja
inzwischen eine richtige Symbiose eingegangen. Was Taschen und Reisegepäck angeht, ist die Lage ein bisschen anders. Wir führen alle Marken, von Bottega Veneta angefangen bis hin zu Prada, Gucci, Cloé und Dior. Das gab es in dieser Wertigkeit in Mannheim bisher noch nicht. Und daran muss sich der Kunde auch erst einmal gewöhnen ...


Neben dem Accessoire-Haus haben Sie im Vorjahr auch das Top-
Restaurant »Le Corange« am Engelhorn-Dachgeschoss eröffnet.
Wir haben schon lange gewusst, dass es in der Mannheimer Innenstadt zu wenig gute Restaurants gibt. Der andere Punkt war, dass wir die Aufenthaltsdauer der Kunden im Haus verlängern wollten. Man soll sich bei Engelhorn wohl fühlen, und dabei soll gar nicht groß auffallen, ob man gerade an der Bar einen Prosecco trinkt oder noch shoppen ist. Das soll ein fließender Übergang sein. Wir hatten daher schon bisher drei Bars im Haupthaus und eine im Sporthaus, durch das Restaurant wurde das nur noch abgerundet.


Morgen sind Sie schon wieder unterwegs und beginnen die Runde Ihrer
Messebesuche. Man hört, der Einkauf ist für Sie eine zentrale Funktion
des Fachhandels, die Sie niemals aufgeben wollen. Sie übernehmen
tatsächlich keine Bestückungsvorschläge der Industrie?
Pauschale Bestückungsvorschläge über alle deutschen Standorte hinweg
übernehmen wir nicht, weil wir in der Vergangenheit immer wieder festgestellt haben, dass die zu wenig auf individuelle Marktbedürfnisse eingehen. Nachbestellungen sind ein anderes Thema: Wenn ein Lieferant automatisiert nachliefern kann, dann machen wir das gerne, um Stock-outs zu vermeiden und keine Zeit zu verlieren. Es ist ja eines der größten Probleme des Handels, dass die Sortimente so groß sind, dass man Stock-outs nur mehr schwer erkennen kann.
Wenn uns da die Industrie helfen kann, partnerschaftlich näher zusammenzurücken, nehmen wir das sehr gerne an. Das ist ja eine Win-win-Situation: Wenn wir die Bestseller, die wir ja oft schon sehr früh in der Saison erkennen können, nachbekommen, haben wir in allen Bereichen von Mode bis Sport große Wachstumspotenziale.


Sie haben die individuellen Marktbedürfnisse angesprochen. Gibt es die
heute überhaupt noch und wird es die 2020 auch noch geben? H&M
verkauft doch überall höchst erfolgreich das Gleiche?
Es wird immer individuelle Märkte geben. Und damit immer große, gut geführte Platzhirsche wie Engelhorn in Mannheim, Lodenfrey in München, Breuninger in Stuttgart, Kaiser in Freiburg oder Kastner & Öhler in Graz, mit denen wir übrigens auch zusammenarbeiten. Die haben eine Berechtigung am Markt, weil sie einen besseren Service bieten, mehr Mitarbeiter auf der Fläche haben und vor Ort bekannt und damit individueller sind.
Aber wir müssen auch die Vorteile, die ein vertikalisiertes Unternehmen hat,
nach ahmen – zusammen mit der Industrie. Wir müssen die Prozesse verkürzen. EDI muss reibungsloser laufen als heute.
Was ebenfalls ganz entscheidend ist und womit wir uns bei vielen Lieferanten noch schwer tun: Wir müssen die Fläche wirklich über zwölf Monate hinweg attraktiv halten. Es kann heutzutage nicht mehr sein, dass jemand nur zwei große Kollektionen hat, die er vielleicht auf vier Liefertermine im Jahr aufsplittet. Und dazwischen gibt es keine Neuigkeiten, keine Farb-Updates. Die Prozesse der Kollektionserstellung sind noch viel zu langsam. Das ist ein Riesenthema.




FACTS
Fabian Engelhorn, 32,
leitet gemeinsam mit seinem
Vater Richard und
Cousin Andreas Hilgenstock
den Mannheimer
Platzhirschen Engelhorn.
Das Haupthaus umfasst
17.000 m2 Verkaufsfl
äche. Mit Sporthaus,
Wäschehaus und einigen
Monolabel-Stores (Hugo
Boss, Tommy Hilfiger,
u.a.) betreut das
Unternehmen insgesamt
36.000 m2 Verkaufsfl äche
und erzielte zuletzt einen
Umsatz von insgesamt
160 Millionen Euro.
Der Hauptverband des
Deutschen Einzelhandels
(HDE) wählte das im
Vorjahr unter der Regie
von Blocher Blocher
Partners, Stuttgart, komplett
umgestaltete Haus
jüngst zum »Store of the
Year 2008«. Unter anderem
wurden im Rahmen
des Umbaus das Accessoire-
Konzept »acc/es«
sowie das Panorama-Restaurant
»Le Corange«
aus der Taufe gehoben.

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