18.09.2008 | Financial Times

Ein Investor zieht den anderen nach

Einzelhändler lassen sich gern in Mannheims Zentrum nieder. Ein Verbot von Sexshops und Ein-Euro-Läden soll dort die gepflegte Atmosphäre wahren

Hinter eher nüchternen begriffen wie „Planken“ und „Zentrenkonzept“ verbirgt sich eine bunte, wohldurchdachte Welt des Konsums und der Mode. Das Mannheimer Erfolgskonzept.
Zwischen Ludwigshafen und Heidelberg gelegen, hast sich die ehemalige Industriestadt zum Dienstleistungszentrum gemausert, das selbst Käufer aus der Landeshauptstadt Stuttgart oder dem 140 Kilometer entfernten Frankfurt anzieht. „Auf 100 Mannheimer kommen etwa 40 auswärtige Kunden“, freut sich Wolfgang Miodek, stellvertretender Leiter des Fachbereich für Wirtschafts- und Strukturförderung der Stadt Mannheim. Das lässt die Mannheimer Kassen klingeln, denn die Kaufkraft der Einheimischen liegt mit 18 576EUR im Jahr pro Einwohner grad mal im Bundesdurchschnitt. Da kommt der Kaufkraftzufluss von außerhalb gerade recht. Mit 716 Mio. EUR im Jahr ist er der höchste in ganz Baden-Württemberg. Der Umsatz im Einzelhandel liegt denn auch um fast 40 Prozent höher als im Durchschnitt der Republik, und zwar bei 2,2 Mrd .EUR im Jahr.
„Der Löwenanteil davon, zumal in der Innenstadt, geht mit 75 Prozent auf die Modebranche“, sagt Claus Seppel, Präsident des Einzelhandelverbandes Nordbaden und Vizepräsident der IHK Rhein-Neckar. Textilien, Schuhe und Lederwaren zählen zu den Leitbranchen des Mannheimer Einzelhandels. Besonders beliebt sind Schuhe. Mit mehr als sechs Schuhgeschäften pro 100 000 Einwohner in Toplage gehört die Quadratestadt einer Untersuchung des Düsseldorfer Immobilienmaklers Kemper's zufolge zum Spitzentrio in der Republik, Vier davon gehören Seppel selbst: das Luxusschuhgeschäft „Gero Mure“, zwei Häuser „Gero“ im mittleren Preissegment und „Kaos“ für die junge Mode.
„Wir kaufen nur europäische Ware“, erklärt Seppel, der regelmäßig Schuhmessen in Düsseldorf und Mailand besucht, sein Qualitätsrezept. „In Deutschland, Italien, Spanien und Portugal werden hervorragende Produkte hergestellt, und wir wollen die Arbeitsplätze in Europa unterstützen“, sagt der IHK-Vizepräsident. Die anderen rund 25 Schuhgeschäfte in Mannheime setzen ebenso auf Qualität und tragen zur Vielfalt bei. „Wir sind in Mannheim in der glücklichen Lage, dass wir eine große Nachfrage nach Ladenflächen haben, auch in den Nebenstraßen. Die Geschäfte befruchten sich gegenseitig, ein Investor zieht den anderen nach sich“, sagt Seppel. Einen wesentlichen Grund für die steigende Anziehungskraft sieht Seppel im sogenannten Zentrenkonzept, das Stadt und Handel gemeinsam entwickelt haben: „Damit haben wir die Innenstadt gestärkt und verhindert, dass Kaufkraft auf die grüne Wiese abfließt.“ Die Stadt hat Vorschriften erlassen, wonach keine Ein-Euro-Läden, Billigtelefon- und Sexshops die Atmosphäre auf der Einkaufsmeile trüben dürfen. “Das gibt den Einzelhändlern Planungssicherheit“, sagt der Verbandschef.
Daher floriert in Mannheim auf der Haupteinkaufsmeile, den sogenannten „Planken“, besonders das Premiumsegment mit einen gesunden Mix an mittelpreisigen Produkten. Der Käufer findet sowohl Juweliere wie Wempe, Braun oder das Familienunternehmen Nitsch als auch Filialen von Swarowsky, Bekleidung sowohl bei Peek & Cloppenburg als auch bei H&M. Allen Häusern auf den Planken gemein ist eine edle Innenausstattung.
Mannheim verschönt sich ständig, jüngst durch die Investitionen von „Platzhirsch“ Richard Engelhorn. Der Mannheimer Textilhändler baute sein Stammhaus auf den Planken um und ergänzte es durch einen avantgardistischen Neubau – und nahm zum Lohn den Preis „Store of the year 2008“ vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels entgegen. Für rund 10 Mio. EUR sollen jetzt ach Bodenbelag und Beleuchtung der Einkaufsmeile selbst verschönt werden: „Wir sind stol-z darauf, den Einkauf unter freiem Himmel zu ermöglichen“, sagt Seppel, der sich vehement gegen überdachte Shoppingmalls ausspricht.
„Doch wir wollen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen“, mahnt er. Die Kunden sollen weiterhin so zahlreich nach Mannheim strömen. Und auch dafür sorgen, dass noch mehr Existenzgründer als bisher an den Start gehen können. Denn der Mix macht den Erfolg aus.

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