13.04.2010 | Mannheimer Morgen

„Nur der Käse ist hier Käse“

Austausch: Fünf junge Holländerinnen lernen in Mannheim sechs Wochen lang die Ausbildung im Einzelhandel kennen

Kauft der Holländer seine Jeans anders als wir hier bei uns? Welchen Service erwarten die Deutschen, und was muss man als Azubi bringen, damit der Chef zufrieden ist? Tanja, Samantha, Danielle, Melis und Iris wissen jetzt ganz genau bescheid, die fünf jungen Holländerinnen aus
Hoorn – allesamt angehende Einzelhandelskauffrauen – schnuppern
sechs Wochen lang hinein in den Alltag ihrer Kolleginnen in Mannheim.
Ein Austauschprogramm, bei dem es um mehr geht als um Warenkunde
und Fachrechnen: Die Mädchen lernen in der Schule und am Arbeitsplatz
Menschen und Mentalitäten kennen – und räumen dabei auch gleich so manche angestaubten Vorurteile und Klischees aus dem Regal.
Samantha zum Beispiel ist ganz schön überrascht – und das im besten
Sinne: „Ja, die Leute hier sind sehr freundlich, wenn sie hören, dass ich aus Holland komme, dann interessiert sie das“. Sie verkauft bei Engelhorn in der Damenabteilung Hosen, mit der Sprache hapere es ja noch ein wenig, „aber ich bemühe mich und die Kundinnen auch“. Mit Tulpen-, Käse- oder Wohnwagen-Witzen hat sie jedenfalls noch keiner aufgezogen – „nej, alle sehr nett“.

Vier Tage Job, ein Tag Schule
Das hört Martina Kempf gerne, die Studiendirektorin an der Max-Hachenburg-Schule organisiert seit drei Jahren schon dieses Programm,
das wechselseitig Berufsschüler nach Hoorn oder Mannheim führt. In der Schule steht immer montags Deutsch auf dem Stundenplan, daneben
erfahren die Holländerinnen im Fach politische Bildung etwas über ihr Gastland. „Die anderen vier Tage sind die Mädchen im Betrieb“, auf der Suche nach den Arbeitgebern auf Zeit habe der Einzelhandelsverband
Kontakte geknüpft, die Internationale Weiterbildungs- und Entwicklungsgesellschaft (Inwent) unterstütze das Projekt auch finanziell.
„Naja, und wir kümmern uns um Unterkunft und ein kleines Kulturprogramm für unsere Gäste aus Holland.“ Vor der Freizeit kommt freilich der Job – und der ist nicht hier wie dort: „Hier gehst du als Verkäuferin auf die Kunden zu und fragst, ob du helfen kannst“, hat Danielle bei der Galeria Kaufhof gelernt. „Bei uns zu Hause ist das nicht so“, da halte man sich mehr im Hintergrund und warte, bis die Leute einen ansprechen. „Und das Verhältnis zum Chef“, hat Melis beobachtet, „das ist bei uns informeller“. Dafür habe man aber in Deutschland mehr Verantwortung, „du kriegst gesagt, das ist dein Bereich, mach mal“, Tanja findet das gut bei ihr in der Babyabteilung von Engelhorn. Manches kommt den Holländerinnen bei uns aber auch seltsam vor: „Als Fahrradfahrer lebt man gefährlich, Autofahrer nehmen hier wenig Rücksicht, das ist in Holland anders. Und die Leute essen komische Sachen. Wie heißt das fettige Ding? Worst?“ Nicht nur die Wurst mag Samantha nicht recht schmecken, auch der Käse sei leider Käse: „Schmeckt bei uns einfach besser“.
Vieles freilich haben sie hier schon schätzen gelernt – manches sogar lieben: Iris zum Beispiel hat einem jungen Mannheimer ihr Herz geschenkt. Was heißt Völkerverständigung eigentlich auf Holländisch?

Austausch
* Seit 2007 tauschen die Max-Hachenburg-Schule und das Horizon-College im holländischen Hoorn jährlich Lehrlinge aus.
* Das Programm wird gefördert von der Internationalen Weiterbildungs-
und Entwicklungsgesellschaft und der Bundesregierung.
* Die Auszubildenden gehen jeweils einen Tag in der Woche in die Berufsschule, die anderen vier Tage arbeiten sie in den Einzelhandelsbetrieben der Stadt.

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