11.10.2010 | Mannheimer Morgen

Ein Sonntag im Zentrum des Ansturms

Handel: Rund 200000 Menschen strömen in die City / Vor allem warme Wintersachen füllen die Einkaufstüten

14 Minuten vor Zwölf, noch heißt es bei Grimminger in O2 Berliner auftürmen und Brötchen ordnen vor dem großen Ansturm. Eine starke Stunde später lässt sich das Maß der Massenbewegung dann Weck für Weck am Backwaren-Berg hier ablesen. Je voller die Stadt, desto stärker schmelzen die Knusper-Kuppen unter dem Hunger der Einkaufsbummler ab. Und sie ist voll, die City, an die 200000 Kunden, sollen die Händler später schätzen. Viel Luft dürfte nicht sein in dieser Kalkulation, denn ab 15 Uhr werden die Haken, die Tütenträger schlagen, um einander auszuweichen, immer enger, in den Parkhäusern steht alles dicht an dicht, und wer in der herrlichen Herbstsonne jetzt noch einen Platz findet in den Straßencafés, hat Glück gehabt oder kennt den Wirt.

Mode für Männer
„Heinz, Heiiinz, jezz kumm halt emol do riwwer“. Der Gerufene muss sich losreißen von der schicken blauen Sportjacke, in deren einem Ärmel er schon steckt, denn Erika Kahlenberg hat gefunden, was sie schon lange sucht. „En anthrazitfarbene Mandl, des basst dir doch, gell Heinz?“. Doch, da mag Herr Kahlenberg gar nicht erst widersprechen. „Sie suchd die Sache meischdens aus“, gibt der Mann aus dem Kraichgau zu und vergisst darüber die schicke blaue Sportjacke wieder. Die brauche er nicht, sondern „en Pulli, was Modisches“, gibt seine Herzdame Lauf- und Kaufrichtung vor hier bei Engelhorn. „So ist es oft“, Christa Götte kennt sich aus, seit 14 Jahren ist die Herrenabteilung im Erdgeschoss ihr Reich: „Die Damen geben modisch den Ton an, da sind wir schon drauf eingestellt.“ In der Parfümerie beim Kaufhof am Paradeplatz verfügt Christa Klein, die Abteilungsleiterin, über ähnliche Erfahrungswerte: „Klar, die Frauen“, viele Kundinnen wünschen sich eine andere Note für ihren
Liebsten. „Man hört oft ’ach, haben Sie nicht was aufregendes Neues,
was er sonst benutzt, find ich nicht mehr so toll’“. Also wenn schon
kein neuer Mann, dann sollte der alte wenigstens anders duften? Kein
schlechter Tipp, müsste man sich mal merken.

Entspannte Kundschaft
Es ist 20 vor Vier, der Strom der Sonntagskunden verlagert sich zusehends auch in Kunststraße und Fressgasse. Dort hat sich Alexander Troncone bestens auf den Tag vorbereitet. „Sonntags sind die Leute entspannter, und sie suchen auch mal das Besondere“. Damit kann der Juwelier dienen, „ Herrenschmuck zum Beispiel, läuft wirklich klasse“.
Vor allem Armketten, Leder, Kautschuk, Metall, „das tragen Männer
von 18 bis Ende 60 jetzt wieder“. Joachim Feldmann nicht, er trägt
eine riesige Tüte am Handgelenk. Winterware? Was Warmes? „Nö, ’ne
Carrera-Bahn, die hab’ ich für mich gekauft“, gibt der elegante Endvierziger zu und schiebt sich die braune Hornbrille auf der Nase zurecht. Immer habe er sich eine Rennbahn gewünscht und nie eine bekommen, „als Kind nicht und auch nicht später, von meiner Frau“. Klar, wo Damen doch eher neue Düfte und anthrazitfarbene Mäntel kaufen, wie wir jetzt wissen. „Holst du dir eben selber eine“, habe er gedacht – und sich einen Herzenswunsch erfüllt. Glückliche Menschen – wenig Arbeit für die Polizei. Martin Boll, ihr Sprecher, kann einen entspannten Tag für seine Kollegen vermelden: „Kleinere Staus, um 15.30 Uhr musste die RNV die Bahnen aus den Planken nehmen – ansonsten alles ruhig“. Das freilich nur aus polizeilicher Sicht, denn Ruhe mögen die Händler nicht – Dr. Oliver Seifert, der Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands: „Den absoluten Rekord vom vergangenen Jahr haben wir zwar knapp verfehlt, aber wir sind trotzdem sehr zufrieden, ein goldener Oktober!“ Und was füllte denn so die Sonntagseinkaufstüten? „Elektronik, Schmuck und vor allem warme Wintersachen“. Anthrazitfarbene Herrenmäntel zum Beispiel.

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