06.06.2011 | Mannheimer Morgen

Brahms bleibt in Mode

Orchesterpuzzle: Zwischen Bermudas und Blusen

Johannes Brahms hätte sich wohl nie träumen lassen, dass seine zuletzt komponierte Symphonie eines Tages zwischen Jeans (die er noch gar nicht kannte) und anderen Textilien erklingen würde. Vermutlich hätte ihn die etwas andere Aufführung erfreut. Schließlich erhofft sich jeder Komponist, dass ihn sein Werk überdauert und auch künftige Generationen inspiriert. Dass Brahms vierte Symphonie auch Menschen zu faszinieren vermag, die üblicherweise für klassische Musik wenig übrig haben, das bewiesen Mannheimer Philharmoniker. Nicht im Konzertsaal, sondern im Modehaus Engelhorn, das den originellsten Beitrag zu „Tüten und Töne“ inszenierte. Auf drei Etagen verteilt, spielten die festlich gekleideten Musiker – Männer im Frack, Frauen in Abendrobe – voll konzentriert ihre Instrumente. Zeitgleich vernahmen sie über Kopfhörer jene Karajan-Aufnahme der Brahms-Symphonie, die das Haus erfüllte. „Das Schwierigste war, dass wir uns selbst nicht hören konnten“, erzählte hinterher der Oboist, und der Kontrabassist stimmte dem Kommentar zu: „Vor keinem anderen Konzert war ich so aufgeregt.“

Vielleicht hat das ungewöhnliche Orchester-Puzzle den einen oder anderen angeregt, am heutigen Montagabend im Rosengarten das Konzert (20 Uhr) der jungen Philharmoniker zu besuchen – und noch eine Begleitperson mitzubringen, für die am Samstag Zweitkarten-Gutscheine verteilt wurden. Und dann kann neben Beethoven und Tschaikowsky noch einmal Brahms Vierter gelauscht werden – diesmal auf dem Stuhl. Aber eines steht fest: Die Orchesterkostprobe zwischen Bermudas und Blouson hatte einen ganz besonderen Reiz – mit „Aha-Effekt“: „Ich hätte nie gedacht“, gestand eine Kundin, „dass ich mir mal eine Symphonie bis zu Ende anhöre.“

zurück zur Übersicht