18.11.2004 | Mannheimer Morgen

Auch Einheiten vor dem Nachtdienst

LEICHTATHLETIK: Krankenschwester Gerlinde Baunach-Mayer will am 21. Mai 2005 ankommen

Von unserem Redaktionsmitglied Jürgen Flatken

Ein kleiner Stich – und schon fließt der rote Lebenssaft. Tapfer, lässt Gerlinde Baunach- Mayer die Prozedur in der MTG-Halle über sich ergehen, die ein Laktat-Test zur Trainingsoptimierung mit sich bringt. Die 42-Jährige gehört zum „MM hoch 42“-Team, das bei unseren Kooperationspartnern Sportomed, Pfitzenmeier, Med sportif und Engelhorn sports für den MLP Marathon Mannheim Rhein-Neckar in Form gebracht wird. Am 21. Mai 2005 heißt es dann für die 28 Marathonis in spe: Lauf', soweit die Beine tragen – hoffentlich 42,195 Kilometer.

Einmal gepiekst, lässt Dr. Joachim Jost, Leistungsdiagnostiker des Olympia-Stützpunkts Rhein Neckar, Baunach-Mayer und ihre Mitstreiter der Engelhorn sports Gruppe – Roland Eils, Doris Schneckenburger, Dagmar Wagner, Thomas Mück, Reiner Jung und Ursula Zelter – nicht aus seinen Fingern. Der Laktat-Test steht an. „Die Grundlage, um sinnvoll und gezielt zu trainieren“, betont Jost. Seine Vorgabe lautet: vier bis fünf 1200-Meter-Läufe bei konstanter Geschwindigkeit. Dabei wird die Belastung kontinuierlich pro Lauf gesteigert und die Bildung von Milchsäure und deren Anhäufung im Blut gemessen. So lässt sich eine Laktat-Leistungskurve erstellen, aus der man die individuelle Ausdauer ablesen kann. Nach jedem Lauf wird Blut abgenommen und der Puls gemessen. „Wir wollen den Ist-Zustand feststellen und schauen, wann die Übersäuerung der Muskulatur beginnt. Dadurch wird der Punkt des optimalen Trainings bestimmt“, erklärt Jost den Sinn der Aktion.

Die medizinischen Feinheiten interessieren Baunach-Mayer wenig. Sie ist vielmehr geschockt über die Veränderung, die ihre Trainerin Maria Raether vorgenommen hat. „Mensch Maria, Deine schönen, langen Haare“, äußert sie sich entsetzt zu der neuen Kurzhaarfrisur. Doch viel Zeit zum Bedauern lässt Jost der Krankenschwester nicht. Der Test beginnt.

„Ich laufe erst seit Anfang Mai. Vorher bin ich nie gejoggt, Sport ja, aber eher Inlinern und Fahrradfahren. Aber ich habe einen Sport gesucht, den ich jeden Tag und überall machen kann. So bin ich beim Laufen gelandet“, erklärt sie ihre Motivation. Die Mannheimerin kennt auch nur ein Ziel: „Ich möchte ankommen.“ Aus diesem Grund unterwirft sie sich einem harten Trainingsprogramm. Vier bis fünf Mal die Woche ist Laufen angesagt, „mindestens eine Stunde pro Einheit“.

Als die Zusage kam, dass die 42-Jährige bei der Aktion dabei sei, bekam sie Angst vor der eigenen Courage. „Wie soll ich das zeitlich unter einen Hut kriegen, bei meinem
Job und drei Kindern?“, fragte sich die alleinerziehende Mutter. Alle Sorgen waren umsonst: „Mama, da musst Du mitmachen“, war die übereinstimmende Meinung ihrer drei Jungs, die die Mutter nach Kräften unterstützen. „Ab und zu fährt Marian, der Jüngste, mit dem Rad nebenher, während ich laufe. So bin ich nicht allein und alle kommen an die frische Luft.“ Auch mit ihrem Beruf als Krankenschwester beim Berufsförderungswerk in Heidelberg lässt sich das Training kombinieren. „Dann absolviere ich halt vor meinem Nachtdienst eine Einheit.“ Engagement, das bereits seine Wirkung gezeigt hat. „Seitdem ich trainiere, bin ich viel ausgeglichener. Die Bewegung tut mir gut. Ich musste 42 Jahre alt werden, um das festzustellen.“
In der Sporthalle dreht sie bis zur vierten Stufe ihre Runden, in der im Durchschnitt 100 Meter in 26 Sekunden zu bewältigen sind. Sichtlich geschafft, aber glücklich, das Laufen und die Blutabnahmeüberstanden zu haben, verlässt Gerlinde Baunach-Mayer die Bahn in Richtung Umkleidekabine. Im Februar findet ein weiterer Test statt, um die Fortschritte zu ermitteln.

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